Eindringliche Gesänge



Ich will zu diesen Bildern nicht viel sagen, schon gar nicht irgendwelche Erklärungen abgeben oder Deutungsversuche, ich möchte nur mitteilen, was ich bei diesen Bildern EMPFINDE und in Ihnen etwas Neugierde erwecken, sie auf eigene Weise zu erforschen, zu entdecken und sie auf sich wirken zu lassen:

MICH sprechen FRAUKE SEEMANNS Bilder besonders an, weil sie so farbenfroh und so kraftvoll sind. Diese Arbeiten wirken auf mich wie ein "emotionales Tagebuch", wie Momentaufnahmen von Gefühlen und wie eine ganz spontane, ursprüngliche, ja, kindliche Sprache. Die Sprache - fast überall finde ich die Verbindung von Wort und Bild, und wenn ich Sätze lese wie "Eva wird böse" oder "die Erde gehört niemandem ausser sich selbst", und das in dieser einfachen Schreibschrift, kombiniert mit den geschwungenen Linien, Kreisen und Symbolen, ist mir, als ginge die Künstlerin mit den sinnlichen und fragenden Augen eines Kindes durch die Welt, um unverstellte Wahrheiten zu finden.

Wahrheiten, die nicht philosophisch, hochtrabend, kopflastig oder arrogant wirken, sondern für mich SCHLICHT UND ERGREIFEND. Frauke Seemanns Blick in die Welt erscheint mir unverstellt, unverbaut von den Rationalisierungen unserer Kultur, unberührt von den Scheinwahrheiten, die man uns einredet, weshalb unsere Welt, unsere Gesellschaft so zu sein hat, wie sie ist und nicht anders.
Ihre Stimme erscheint mir zutiefst künstlerisch, schöpferisch, ursprünglich. Und das ist es, was mich an ihnen so berührt. Ich brauche mich nicht zu fragen mit angespannter Stirn "was wollte die Künstlerin mir damit sagen" - nein, ich sehe diese Bilder - und werde froh damit. Ich fühle mich leicht und beschwingt, durch die schwingenden Formen, wie die Wellenlinien und Kreise, durch die kraft vollen Farben - Frauke Seemann sagt selbst, für sie bedeuteten Farben Leben.
Dennoch sind diese Bilder für mich nicht "nett" oder etwa "idyllisch". Also harmonisch in einem trügerischen Sinne. Es sind Brüche da, "Verschiebungen", wie Frauke Seemann sie nennt, von Bild und Sprache, die nicht immer miteinander identisch, nicht immer schlüssig sind, sondern oft auch Fragen aufwerfen. Es sind keine Bilder, die etwa Texte illustrierten.

Es sind Momentaufnahmen, die sich niedergelegt haben, scheinbar willkürlich, vielleicht unpassend, die aber gerade durch diese Spontanität für mich wieder so echt, so AUTHENTISCH wirken und deshalb auf eine WAHRHAFTIGERE Weise schlüssig und dennoch HARMONISCH wirken.
Aufschlussreich mag hierbei auch sein, dass Frauke Seemann am liebsten im Liegen malt. Sie sagt, dass sie sich dadurch der Erde verbundener fühlt - und vielleicht auch ihren Bildern, wodurch sie auch diesen persönlichen Charakter erhalten. Sie nennt ihre Arbeit auch "meditativ". Und gerade durch diese Meditation scheint mir diese tiefe und kraftvolle Spontanität zu entstehen, die die Welt, wie sie IST, nicht beschönigt oder verharmlost, sondern die ihr Fragen stellt oder Feststellungen macht OHNE sich dabei in Depressionen oder "Destruktionen" zu verfangen, in wilden und aggressiven Zerstörungsakten, wie ich sie sonst so oft in der modernen Kunst finde.

Erst neulich wieder habe ich in einem Museum "moderne Kunst" gesehen: von einem Band kam zersetzte Musik, dazu beängstigender Gesang, der an Schreie erinnerte, das Ganze in einem Ambiente aus monotonem Fernsehflimmern, toten Drähten oder trostlos grauen Fotografien. Das ist AUCH eine Art, diese Gegenwart zu kommentieren und zu "verarbeiten". Und obwohl solche Kunst laufend Preise erhält und offensichtlich so gerne in bedeutenden Museen und Ausstellungen gezeigt wird, TRAUMATISIERT sie mich regelrecht. Die Antwort vieler Künstler, vielleicht auch Künstlerinnen, auf die Gewalt und Zerstörung in dieser Welt scheint bei vielen EBENFALLS Gewalt und Zerstörung zu sein - oder umgekehrt eine totale Abkehr von der Realität und eine Verniedlichung, die künstlerische, oder künstliche, Erschaffung einer "scheinheilen Welt".

Mich fasziniert an Frauke Seemanns Bildern so, dass sie, OHNE die Realität zu leugnen, dennoch solch positive und kraftvolle Impulse in die Welt setzt. Und das erscheint mir gerade dadurch möglich zu sein, dass sie den Zugang zu ihrem "inneren Kind" so offen und lebendig hält, zu ihrer eigenen, ursprünglichen und ungebrochenen Sinnlichkeit und Phantasie. "Phantasie ist die kreative Kraft in den Menschen, die Fähigkeit zur Integration und Ganzheit und damit in tiefstem Sinne zur Heilung" schreibt die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. - Ich kann ihr nur zustimmen und Ihnen viel Spass wünschen beim eigenen Entdecken und Erforschen - und ERLEBEN dieser Bilder!
Dankeschön.

Anja Sirkka Mecklenburg (Schriftstellerin)
(Ansprache zur Ausstellung von Frauke Seemann)
Galerie des Frauenamtes, 24. August 1999, Köln

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