von Dr. Romana Breuer, Kunsthistorikerin M.A.:



Frauke Seemann

Alleinstellung mit ihren Gemälden besitzt auch die Kölner Künstlerin Frauke Seemann, denn was von ihr schlicht als Malerei bezeichnet wird, sind vielmehr vielschichtige Gebilde, die unterschiedlichste Techniken und Gattungen vereinen.

Als Farbträger dienen der Malerin Leinwand, Rupfen, Baumwolle und Papier, aber es entstehen auch Montagen bzw. Collagen von ausgeschnittenen Papieren auf den textilen Träger. Zusätzlich können Stickgarne das Papier bzw. die Textilien als Naht oder gesticktes Ornament durchziehen. Als Farbe nutzt Frauke Seemann kein Fertigprodukt, sondern rührt für jedes Werk reine Pigmente mit unterschiedlichen Bindern frisch an. Dies ermöglicht ihr, die Leuchtkraft der einzelnen Farbe authentisch zu erhalten. Grundsätzlich bearbeitet die Künstlerin die Malgründe auf dem Boden des Ateliers, so dass die Farbe sich verdichten kann. Dabei ist der eigentliche Farbauftrag höchst variabel: Schwere undurchsichtige Farbinseln kontrastieren zarte, schleierartige Farbbahnen, die Pinselschrift - wenn sie denn sichtbar ist - vollführt schroffe Richtungswechsel, Farbtropfen sprühen über die Gemälde. Die Technik von Frauke Seemann folgt der jeweiligen inneren Notwendigkeit, der Eigengesetzlichkeit ihrer Kompositionen.

Einen weiteren wichtigen Aspekt stellt die gattungsübergreifende Arbeitsweise dar: Die Künstlerin kombiniert Schrift und Bild, setzt Wörter, Wortfragmente, Sätze und Satzfragmente in die organisch-abstrakten Farbschichten ein. Durch die variable Größe der Schrift sowie die bewussten Überschneidungen mit Farbflächen verweist Frauke Seemann auf die besondere Qualität von Worten als optisches und auch akustisches Phänomen. Ein groß geschriebenes Wort, das sich in den Vordergrund einer Komposition drängt, erscheint als "laut", verstanden als Gegensatz zu leise. Ein gutes Beispiel hierfür ist das hochformatige Kompositgemälde Zeit der Abschiedslosigkeit. Das Wort ‚Zeit' ist einmal schwarz in die unteren Malschichten eingebunden, und ein weiteres Mal tritt es weiß und groß an die Oberfläche des Farbraums - so groß, dass in der Komposition für den Begriff der ‚Abschiedslosigkeit' kein Platz mehr bleibt. Die groß geschriebenen, dominanten Wörter sind somit nicht nur ein graphisches Element, sie können so beunruhigend wirken wie ein Schrei.

Die Wörter und Texte, die Frauke Seemann verwendet, sind zumeist autobiographischen Ursprungs. Tagebuchaufzeichnungen, Notizen, eigene Geschichten. In seinem fingierten Tagebuchroman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von 1910 lässt Rainer Maria Rilke einen jungen Dänen die prägenden Einflüsse seiner eigenen Kindheit und Jugend durchleben, lässt Brigge am Kampf um die Wörter und Verse verzweifeln: "Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht."

Die Schrift-Bild-Kompositionen von Frauke Seemann entstehen aus Erinnerungen, aus Gedanken und Empfindungen. Gemalte und geschriebene Poesie.

Und obwohl die von ihr verwendeten Textpassagen sehr persönlichen Ursprungs sind, vermag der Betrachter sie in Beziehung zum eigenen Leben, zu verwandten Gefühlen, Gedanken und Erlebnissen zu setzen. Zeit der Abschiedslosigkeit - ist dies die glückliche Zeit, in der man nicht Abschied nehmen muss? Ist es die Zeit, in der man alleine ist, nachdem man Abschied genommen hat oder ist es die Zeit der Abschiede, die man befürchtet? Zu solchen und ähnlichen Fragestellungen angeregt wird die im Bild transportierte Botschaft eine überpersönliche - sie löst sich aus der Biografie der Künstlerin und erlangt allgemein menschliche Qualität.

In ihren jüngst entstandenen Gemälden reflektiert Frauke Seemann ihre Erfahrungen, die sie auf einer Reise nach Bali gemacht hat. Auffallend an dieser Serie ist eine Blau bzw. Gründominanz in Bezug auf die Farbigkeit sowie Ovoidformen, die überraschenderweise das Bildformat überschneiden. Es entsteht so der Eindruck von Bewegung, von Wachsen und Wuchern. Gleichzeitig arbeitet die Künstlerin mit der unterschiedlichen Dichte der korrespondierenden Formen - das Gefühl eines Tiefenraums entwickelt sich, eines Vorne und Hinten, Oben und Unten. Dem räumlichen Effekt entgegen wirken die gestickten bzw. genähten Elemente. Das Stickgarn setzt die Malerin sehr subtil ein: Mal als Naht, mal als gestickter Stern, mal als ein Quadrat bezeichnender Kreuzstich. Das Nähen und Sticken verweist zum einen auf vermeintlich typisch weibliche Tätigkeiten, kann aber zum anderen auch als Verletzung des Bildträgers verstanden werden. Genäht werden üblicherweise Kleidungsstücke, aber auch Wunden. So verweisen die Spuren des Stickgarns auf offene Assoziationsfelder, die persönlich oder überpersönlich aufgelöst werden können.

Im 20. Jahrhundert wurde vielfach der Tod der Malerei beschworen, wenn das Medium an neue Grenzen gebracht wurde - an Grenzen der Abstraktion oder an Grenzen der Darstellbarkeit. Frauke Seemann zeigt mit ihrem Oeuvre eindrucksvoll, dass Grenzüberschreitungen im Medium Malerei eine Bereicherung sind - ob durch neue und andere Techniken oder durch die individuelle Kombination von Schrift und Bild.

Zum Abschluss meiner Überlegungen möchte ich noch einmal auf den Aspekt der Differenz zurückkommen. Die Arbeiten von Marion Menzel und Frauke Seemann besetzen jeweils sehr individuelle Lösungen in ihrer jeweiligen Gattung. Jedoch ist es eine besondere Qualität dieser Ausstellung, dass diese so unterschiedlichen Werkgruppen hier miteinander in Dialog treten. So lagert beispielsweise Marion Menzels Installation Gelesen in der Nähe von zwei Schriftbildern Frauke Seemanns. Eine weitere Bereicherung.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.


Ansprache anlässlich der Ausstellung in der städtischen Galerie Kaarst im Rathaus Büttgen, zusammen mit Marion Menzel (Teeobjekte), August 2006

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