Frauke Seemann

Texte

Über meine Arbeit

Ich beschäftige mich seit langem mit dem Bereich der Malerei und Grafik. Insbesondere Form und Farbe stehen dabei im Mittelpunkt. Ich arbeite relativ fließend aus dem Bauch heraus, trete zwischendurch aber zurück und betrachte meine Ergebnisse. Meine Bilder werden, auf dem Boden liegend, bearbeitet. Am Anfang steht immer die Bild- und Farbfläche, weitere "Spuren" ergeben sich im Prozess - "Flow".

So ähnlich wie Tages-/Lebensspuren hinterlasse ich Spuren auf den Leinwänden oder auch wahlweise Papieren. Innere Erlebnisse fließen in diesen Prozess ein, so ähnlich wie Tagebucheinträge. Ich arbeite meist an mehreren Leinwänden/Papieren gleichzeitig, der Gestaltungsprozess kann sehr lange dauern, manchmal Monate. Ich versuche dabei nicht nur an bewusste, sondern auch unbewusste Gedanken bzw. Gefühle heran zu kommen. Kunst als reine Idee oder Konzept lehne ich ab, der Kopf stört eher den Bauch und die Gefühle. Was für mich aber nicht bedeutet, dass ich aufhöre zu denken.

Brüche - stilistisch, inhaltlich sowie auch in der Technik - sind dabei eingeplant oder ergeben sich im Prozess. Dekoration vermeide ich nicht, sondern genieße sie, da sie für mich Teil des Malprozesses und des Umgangs mit Farben ist. Insofern gibt es eine Berührung mit angewandter Kunst und Design, die ich aber im Sinne des Bauhauses als "Alltagkunst" nicht ablehne.

Die Sprache und das Nähen als Bildelemente einzubauen, rührt daher, dass ich versuche die traditionelle Malerei zu erweitern. Angefangen zu malen habe ich, als ich als junge Frau anlässlich einer Reise nach Guatemala, die bunten, selbst gewebten Stoffe der indigene Frauen sah. Dies war für mich Malerei in einer anderen Form und Kultur, insbesondere die intensiven Farben regten mich zu eigener Gestaltung an.

Das Nähen unterstreicht auch den meditativen Charakter meiner Bilder, da es ein relativ langsamer Vorgang ist und man dabei zur Ruhe kommt. Außerdem interessiert es mich, verschiedene Schichten und Muster, die teilweise wenig miteinander zu tun haben, übereinander zu lagern.

Dies ist Teil meiner aktuellen Welterfahrung. Ich sehe und erlebe Vieles in der Gegenwart, was sich übereinander schiebt, verlagert sozusagen, aber eigentlich nicht zusammen passt oder gehört. Auch hier versuche ich die traditionelle Malerei zu erweitern.

Gleichzeitig versuche ich aber auch bei mir und meinem weiblichen oder individuellen Selbst zu bleiben. Das heißt meine Arbeiten sind weder groß, aggressiv und in direktem Sinne politisch.

Frauke Seemann, Köln 2016

FARBEN, KLÄNGE UND ZEITGEFÜHL

Über die Bilder von Frauke Seemann

Man spürt es förmlich, wie Frauke Seemanns Bilder Schicht für Schicht entstehen, durch langsames,meditatives Hinzufügen von Farbe, Strickgarn oder Perlen, die jeweils zu Formen und Schrift werden, in Wechsel und übereinander. Ohne dass eine vorbereitende Zeichnung den Lauf des Pinsels oder der Nadel vorgibt, entwickelt sich ein Werk unter ihrer Hand spontan, assoziativ, es wächst nach ungeschriebenen, unsichtbaren Regeln und doch nach einer inneren, individuellen Logik.

In ihrer ausdrucksvollen Malerei geht es lange nicht mehr nur um visuelle Eindrücke. Das auffällig sinnliche Element ihrer Bilder nährt sich von bewusst und unbewusst wahrgenommenen und wiedergegebenen Impressionen aus anderen Bereichen, die sich weder im Leben noch in der Kunst ausklammern lassen. Farben und Klänge, die Augen und Ohren gleichermaßen anregen, aber auch die haptische Freude an der Verarbeitung von dreidimensionalen Materialien wie Stoffen und Garnen werden sichtbar in diesen Arbeiten, die ihrerseits den Betrachter zu einem sinnlichen Erlebnis durch näheres Hinsehen und aufmerksames Hinhören einladen, ja sogar zum neugierigen Tasten verführen.

Eine mal friedliche, mal unruhige Welt pulsierenden Lebens eröffnet sich unserem Blick. Text und nonverbale Zeichen überlappen sich unaufhörlich in einem dynamischen Prozess, von dem man ahnt, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Ebenen entstanden sind. Der Vordergrund von gestern ist der Hintergrund von heute und morgen wird die Oberfläche wieder anders aussehen: Es ist eine lebhafte, chronologisch nachvollziehbare Abwechslung von transparenten und undurchsichtigen Elementen, die den flächigen Charakter dieser Bilder vergessen lassen. Der räumliche Aspekt weicht der zeitlichen Dimension nach, die als mögliche Perspektive in Erscheinung tritt.

Ob in Gemälden oder Zeichnungen, großen oder kleinen Formaten ist die Arbeit von Frauke Seemann eine ruhige und systematische Entdeckung und Darstellung wandelbarer seelischer Zustände, die sich nach einer Form sehnen, und körperlicher Empfindungen, die entmaterialisiert werden wollen.

Weniger als intellektuelle Gratwanderung zwischen Abstraktion und Figuration denn als intuitives grafisches Vorgehen befreien ihre gemalten und genähten Zeichen die Leinwand oder das Blatt von einer programmatischen Funktion und suchen den Anschluss zu einer Naturwelt, in der von der Zivilisation nur noch Spuren zu finden sind. Der Mensch mit dem, was ihn auszeichnet (das Wort), versucht sich durchzusetzen, verschwindet aber hinter einfachen, entwaffnenden Formen, die von den ursprünglichen Sätzen nur Fragmente aussparen und so die Sprache übertönen.

Mit ihren lebensfrohen Farben, die mit der nüchternen Linie um Dominanz kämpfen und sich gelassen breit machen, sprechen die Arbeiten von unverfälschten Wesen wie Tieren und Pflanzen, auch wenn diese von den Titeln nicht immer suggeriert werden.

Aus alltäglichen und außergewöhnlichen Erfahrungen nimmt die Malerin verschiedenartige, mal harmonische, mal kontrastierende Eindrücke in sich auf und weiß sie synthetisch und unprätentiös wiederzugeben: in ihrer Gleichzeitigkeit und in ihrem Zusammenspiel, vielleicht in der unaussprechlichen Vorstellung, dass ihre zufällige Begegnung doch einen weiteren Sinn trägt.

Daher überrascht es nicht, dass die Künstlerin in Bezug auf ihre Bilder von nicht wiederholbaren Werken spricht, die bestimmte Lebensabschnitte spiegeln. Und wohl auch bestimmte Augenblicke, Gefühlskonstellationen, die in der gleichen Form nie wieder vorkommen werden und deswegen so einzigartig und kostbar sind.

Ihre Malerei hält diese Momente fest und ermöglicht ihr Fortdauern in einer konkreteren Form als der bloßen Erinnerung, aber genauso wie im kreativen Menschengedächtnis werden die Ausgangsmotive subjektiv verarbeitet und zu einer gänzlich neuen Komposition arrangiert. Und weil, wie jede andere auch, die Sprache von Frauke Seemann nicht eindeutig sein muss, darf ihre Botschaft von Außenstehenden persönlich und frei interpretiert werden.

Dr. Donatella Chiancone-Schneider • Kunst- und Filmhistorikerin, 2013 • donatella.chiancone.eu